Ergonomischer Bürostuhl: Auf diese Funktionen kommt es an

Ein ergonomischer Bürostuhl lässt sich auf Ihren Körper einstellen und bewegt sich mit, wenn Sie Ihre Haltung ändern. Dafür sorgen vor allem eine Rückenlehne mit Permanentkontakt oder Synchronmechanik, eine verstellbare Sitztiefe und Sitzneigung, eine gut platzierte Lendenstütze und Armlehnen, die sich nah an den Körper bringen lassen. Ob ein Modell wirklich zu Ihnen passt, zeigt sich erst beim Probesitzen am eigenen Arbeitsplatz.
„Ergonomisch“ ist kein geschützter Begriff: woran Sie sich orientieren
Das Wort steht auf beinahe jedem Bürostuhl, vom einfachen Drehstuhl bis zum Chefmodell mit Hebeln an allen Seiten. Geschützt ist es nicht. Aussagekraft bekommt es erst, wenn Sie wissen, welche Funktionen dahinterstehen und ob sie sich auf Ihren Körper einstellen lassen.
Den rechtlichen Rahmen setzt die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV). Ihr Anhang Nr. 6 sieht vor, dass Bildschirmarbeitsplätze nach den Grundsätzen der Ergonomie eingerichtet werden und die Arbeit am Bildschirm regelmäßig unterbrochen wird. Wie sich das im Büro umsetzen lässt, erläutert die DGUV Information 215-410 „Bildschirm- und Büroarbeitsplätze“, ein Leitfaden für die Gestaltung, der als Handlungsanleitung zur Verordnung dient.
Für konkrete Modelle lohnt ein Blick auf DIN EN 1335-1 in der Ausgabe 2023-07. Die Norm beschreibt die Maße von Büro-Arbeitsstühlen und legt fest, wie diese Maße bestimmt werden. Sind Sitzhöhe oder Sitztiefe nach dieser Norm angegeben, hilft das beim Vergleich der Datenblätter. Über Haltbarkeit oder Sitzkomfort sagt ein solcher Hinweis dagegen nichts.
Eine knappe Liste der wichtigsten Funktionen steht auf der restaurierten Seite Bürostühle und ihre Ergonomie-Funktionen: Permanentkontakt-Rückenlehne, Sitzneigeverstellung, Synchronmechanik, Sitztiefenverstellung, Lumbalstütze, beweglicher Sitz sowie 2D- und 3D-Armlehnen.
Permanentkontakt-Rückenlehne und Synchronmechanik
Beide Mechaniken haben dasselbe Ziel: Die Rückenlehne folgt Ihnen, wenn Sie sich zurücklehnen oder wieder nach vorn kommen. Die Stuhlseite nennt die Synchronmechanik die Grundlage für dynamisches Sitzen.
Bei der Permanentkontakt-Rückenlehne, oft auch Dauerkontakt genannt, ist die Lehne federnd gelagert und bleibt in jeder Position am Rücken. Die Stuhlseite spricht von permanenter Unterstützung der Wirbelsäule. Die Sitzfläche bleibt dabei in der Regel, wie sie ist. Ob diese einfachere Bauart für Ihren Arbeitstag genügt, zeigt das Probesitzen.
Die Synchronmechanik koppelt Sitz und Lehne. Lehnen Sie sich zurück, neigt sich die Lehne deutlich, die Sitzfläche geht in einem kleineren Winkel mit, und die Füße bleiben auf dem Boden. Ist die Mechanik gut abgestimmt, rutscht die Lehne außerdem nicht am Rücken entlang; dieses Verrutschen wird oft als „Hemdauszieheffekt“ bezeichnet.
Bei beiden Bauarten muss der Gegendruck der Lehne zu Ihrem Körpergewicht passen, deshalb lässt er sich bei guten Stühlen auf das Gewicht einstellen. Im Archiv der Bürodrehstühle aus Ausstellung und Lager ist das bei mehreren Modellen vermerkt, etwa beim Riva von Febrü mit „Synchronmechanik mit Gewichtseinstellung“ und bei einem Duo-Back-Stuhl von Rohde & Grahl. Viele Mechaniken lassen sich zusätzlich arretieren; bleibt die Lehne dauerhaft eingerastet, sitzen Sie allerdings wieder starr. Wie Sie den passenden Gegendruck finden und woran Sie eine falsche Einstellung merken, erklärt die Anleitung Bürostuhl richtig einstellen.
Sitzneigung und Sitztiefenverstellung
Mit der Sitzneigeverstellung neigen Sie die Sitzfläche leicht nach vorn; dadurch öffnet sich der Winkel zwischen Oberkörper und Oberschenkeln. Die Stuhlseite beschreibt das als Öffnung der Leistenbeuge: Der Bauchraum wird entlastet, die Beine werden besser durchblutet. Spürbar wird das vor allem beim Schreiben und Tippen.
Um wie wenig es dabei geht, zeigt der Riva aus dem Archiv: Seine Sitzneigevorwahl reichte von 0° bis −3°. Schon diese kleine Neigung verändert das Sitzgefühl. Manche Nutzer empfinden sie sofort als angenehm, andere haben das Gefühl, nach vorn zu rutschen, und bleiben lieber bei der waagerechten Stellung.
Die Sitztiefenverstellung, bei manchen Herstellern Schiebesitz genannt, verschiebt die Sitzfläche nach vorn oder hinten. Sie sorgt dafür, dass Sie mit dem Rücken an der Lehne sitzen und die Vorderkante trotzdem nicht in die Kniekehlen drückt. Erst dann können Sie die Entlastungsfunktion der Lehne voll nutzen, wie es auf der Stuhlseite sinngemäß heißt. Fehlt die Verstellung, rutschen Menschen mit kurzen Oberschenkeln auf die vordere Sitzkante und verlieren den Kontakt zur Lehne, während große Menschen auf einer zu kurzen Fläche sitzen.
Die Prüfung dauert nur einen Moment: Setzen Sie sich ganz nach hinten an die Lehne. Zwischen Kniekehle und Sitzvorderkante bleibt etwa eine Faust breit Platz, wenn die Tiefe stimmt. Drückt die Vorderkante in die Kniekehle, ist die Sitzfläche zu tief eingestellt; bleibt deutlich mehr Luft, darf sie ein Stück nach vorn.
Lendenstütze: wann sie hilft
Die Lendenstütze, auf der Stuhlseite als Lumbalstütze (Schukra) aufgeführt und oft auch Lordosenstütze genannt, ist eine Wölbung im unteren Bereich der Rückenlehne. Sie stützt die Lendenwirbelsäule in ihrer natürlichen Krümmung.
Hilfreich ist sie nur an der richtigen Stelle. Die Wölbung gehört etwa auf Höhe der Gürtellinie in die Mulde des unteren Rückens. Sitzt sie zu hoch, drückt sie gegen die unteren Rippen; sitzt sie zu tief, schiebt sie das Becken nach vorn. Achten Sie deshalb darauf, dass sich entweder die Stütze selbst oder die gesamte Rückenlehne in der Höhe verstellen lässt. Beim Riva war beides vorhanden: eine höhenverstellbare Rückenlehne und eine eigene Lumbalstütze.
Wenig bringt die Stütze, wenn die Lehne ohnehin gut zu Ihrer Rückenform passt oder die Wölbung so kräftig ist, dass Sie ihr ausweichen. Passt sie dagegen, spüren Sie sie nach einer längeren Sitzphase kaum noch. Manche Stühle haben außerdem eine geteilte Rückenlehne, im Archiv etwa der Duo-Back-Rücken von Rohde & Grahl.
Armlehnen: 3D-Armlehnen und Höhe
Armlehnen entlasten den Schultergürtel, wenn die Unterarme locker aufliegen und die Schultern dabei unten bleiben. Die Stuhlseite unterscheidet 2D- und 3D-Armlehnen. 3D-Armlehnen lassen sich in Höhe, Breite und Tiefe verstellen, damit sie die Schultern bestmöglich entlasten und je nach Körperform nah am Körper liegen. Den Riva gab es mit 3D-Armlehne oder wahlweise mit 2D-Armlehne; welche Variante sinnvoll ist, hängt vom Nutzer ab.
Beim Kauf zählt vor allem, dass sich die Auflagen für schmale Personen weit genug nach innen bringen lassen und der Stuhl nah an den Tisch rollen kann, ohne dass die Armlehnen an die Kante stoßen. Wie Sie Höhe, Breite und Tiefe am eigenen Tisch einstellen, beschreibt die bereits erwähnte Einstellanleitung im Schritt zu den Armlehnen.
Die beste Armlehne hilft allerdings wenig, wenn der Tisch nicht passt. Ist ein fester Schreibtisch zu hoch, müssen Sie den Stuhl so weit hochstellen, dass die Füße den Boden verlieren. Dann lohnt der Blick auf einen Tisch, der sich an Sie anpasst; mehr dazu im Ratgeber zu höhenverstellbaren Sitz-Steh-Tischen.
Bewegtes Sitzen: bewegliche Sitzflächen wie Dondola/Ergo-top
Einen Schritt weiter gehen Stühle mit beweglichem Sitz. Je nach Hersteller heißt die Technik Dondola® oder Ergo-top®, gemeint ist jeweils ein beweglicher Sitz. Den Zweck beschreibt die Stuhlseite so: Die Wirbelsäule bleibt ständig in Bewegung, und die Muskeln werden trainiert. Im Archiv der Bürodrehstühle sind Modelle mit beiden Bezeichnungen zu finden.
Ob Ihnen ein solcher Sitz liegt, lässt sich nicht in ein paar Minuten im Ausstellungsraum klären. Testen Sie ihn über mehrere Arbeitstage am eigenen Tisch und prüfen Sie dabei auch die übrigen Funktionen: Sitzhöhe und Sitztiefe müssen trotzdem zu Ihnen passen.
Bewegung im Sitzen ist nur ein Teil der Lösung. Die ArbStättV sieht ohnehin vor, dass die Arbeit am Bildschirm regelmäßig unterbrochen wird, und im Alltag hilft es, öfter aufzustehen, etwa für ein Telefonat oder den Weg zum Drucker. Wie sich Sitzen, Stehen und Bewegen über den Arbeitstag verteilen lassen, erklärt der Leitfaden zum ergonomischen Büroarbeitsplatz.
Stuhl und Körpergröße: Passform prüfen
Ein Stuhl kann alle Funktionen der Liste haben und trotzdem nicht passen, wenn seine Verstellbereiche nicht zu Ihrem Körper reichen. Am deutlichsten zeigt sich das bei der Sitzhöhe: Kleine Menschen stoßen an die untere Grenze der Sitzhöhenverstellung, große an die obere. Viele Hersteller bieten deshalb kürzere oder längere Gasfedern an. Fragen Sie danach, bevor Sie sich mit einem zu hohen Sitz und einer Fußstütze arrangieren.
Ähnlich ist es bei Sitztiefe, Lehnenhöhe und der Position der Lendenstütze. Hier hilft wieder ein Blick ins Datenblatt: Sind die Maße nach DIN EN 1335-1 angegeben, erleichtert das den Abgleich mit anderen Stühlen und mit Ihren eigenen Körpermaßen. Achten Sie im Datenblatt besonders auf die Bereiche, in denen Sie mit Ihrer Statur am Rand liegen.
Auch das Körpergewicht gehört zur Passform: Die Gewichtseinstellung der Mechanik deckt einen bestimmten Bereich ab, die zulässige Belastung steht im Datenblatt. Teilen sich mehrere Personen einen Stuhl, etwa beim Desk-Sharing, sollten alle Hebel im Sitzen erreichbar und ohne Anleitung verständlich sein. Sonst bleibt der Stuhl in der Einstellung des letzten Nutzers.
Manche Anforderungen deckt kein Serienstuhl ab. Büroeinrichtungen Ritz konzipierte laut Stuhlseite Sonderlösungen gemeinsam mit den Herstellern, vor allem für den Therapie- und den Arthrodesenbereich.
Probesitzen: Checkliste
Ob ein Stuhl passt oder nur gut beschrieben ist, spüren Sie erst nach einigen Stunden echter Arbeit. Ideal sind deshalb Musterstühle zum Probesitzen, wie sie Büroeinrichtungen Ritz seinen Kunden für einen längeren Zeitraum ins Haus lieferte (siehe Beratung und Probesitzen bei Büroeinrichtungen Ritz). Bei der Auslieferung wurde jeder Stuhl in der Regel auf seinen künftigen Nutzer eingestellt. Bestehen Sie auch bei einem neuen Stuhl darauf, dass Ihnen jemand die Hebel erklärt.
- Testen Sie mehrere Tage lang am eigenen Schreibtisch und mit Ihrer üblichen Arbeit.
- Stellen Sie zuerst die Sitzhöhe ein: Füße flach auf dem Boden, Oberschenkel etwa waagerecht.
- Rutschen Sie ganz nach hinten: Berührt der Rücken die Lehne, ohne dass die Sitzkante in die Kniekehlen drückt?
- Lehnen Sie sich zurück: Folgt die Lehne gleichmäßig, und lässt sich der Gegendruck auf Ihr Gewicht einstellen?
- Sitzt die Lendenstütze in der Mulde Ihres unteren Rückens, und lässt sie sich in der Höhe anpassen?
- Probieren Sie die Sitzneigung beim Tippen aus, vorgeneigt und waagerecht.
- Liegen die Unterarme locker auf, während die Schultern unten bleiben? Kommt der Stuhl mit den Armlehnen nah genug an den Tisch?
- Erreichen Sie alle Hebel im Sitzen, und verstehen Sie sie ohne Anleitung?
- Passen die Rollen zum Bodenbelag, ob Teppich oder Hartboden?
- Decken die Maße im Datenblatt (Angabe nach DIN EN 1335-1, falls vorhanden) Ihre Körpergröße mit etwas Spielraum ab?
Für gebrauchte Stühle und Ausstellungsstücke gilt dieselbe Liste, ergänzt um einen genauen Blick auf Mechanik und Gasfeder. Mehr dazu im Ratgeber zum Kauf gebrauchter Büromöbel.
Quellen und Regelwerke
- DIN EN 1335-1, Ausgabe 2023-07: Büromöbel – Büro-Arbeitsstuhl – Teil 1: Maße – Bestimmung der Maße
- Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstättenverordnung – ArbStättV), Anhang Nr. 6 (Bildschirmarbeitsplätze)
- DGUV Information 215-410 „Bildschirm- und Büroarbeitsplätze – Leitfaden für die Gestaltung“, Ausgabe Juli 2019
- Büroeinrichtungen Ritz, restaurierte Seiten: „Bürostühle“ sowie das Archiv der Bürodrehstühle aus Aktionen und Lagerverkauf

